Er startet wieder

ACHTUNG, ACHTUNG: Es handelt sich um einen rein technischen Artikel ohne schöne Bilder und ohne den Besuchsbericht meines Bruders und seiner Frau, der folgt später.

Für mich ist der Motor der wichtigste Teil eines Schiffes. Wenn der Motor nicht funktioniert, geht nicht mehr viel. Natürlich kann man segeln, man lernt sogar unter Segeln zu ankern oder anzulegen. Aber lustig ist das nicht.

Umso wichtiger war uns, dass wir über den Zustand des Motors bescheid wissen. Von unserem Vorgänger haben wir dazu leider nichts erfahren. Es gab keine Wartungs- oder Reparaturliste. Ein paar Hinweise auf einen Turbotausch und noch ein paar Teile.

Wir wollten aber unbedingt einen Status haben, bei dem wir wissen, wann welches Teil gewartet oder getauscht werden muss.

Deshalb begannen wir im Frühjahr 2021 mit einem Zahnriementausch. Der Mechaniker meinte, dass man dafür den ganzen Motor ausbauen müsse, weil das bei uns so blöd zu erreichen ist. Das Moody Owners Forum wusste glücklicherweise Besseres. Und so konnte der Austausch dann doch ohne Motorausbau stattfinden. Als die sehr sympathischen Techniker wieder von Bord gingen blinkte die Öldrucklampe und ein Schriller Alarm ertönte. Alles normal, meinten sie und wollten gehen. Ich zwang sie bis zum Erlöschen der Alarmlampe zu bleiben. Dabei stellte einer der Techniker die Frage, ob der immer so raucht, da gehören die Injektoren geprüft. Mein Kopf wurde rot, warum hat er das nicht 14 Tage früher gefragt, dann hätten wir das locker noch mitmachen können. Egal, jetzt haben wir den Status Zahnriemen getauscht, Wasserpumpe getauscht – und Injektoren prüfen lassen.

Über den heurigen Winter sind wir dann Teil zwei des Motorservices angegangen. Theo wurde uns empfohlen und hat unseren Motor komplett zerlegt. Er hat die Kolbenringe getauscht, den Turbo repariert, die Einspritzdüsen (Injektoren) prüfen lassen und vieles, vieles mehr. Überzeugt hat er uns damals mit dem Satz „Wenn ich mit dem Motor fertig bin, läuft der wieder zehn Jahre!“. Na, wenn das keine Ansage ist.

Seit dem sind wir in losem WhatsApp Kontakt mit Theo. Immer wenn etwas ist, schreibe ich ihm und er gibt uns Tipps.

Bei der Überstellung von Griechenland nach Italien im Herbst 2020 begann ein Problem mit dem Starten des Motors. Man drehte am Zündschlüssel und nichts passierte. Ein furchtbares Gefühl, besonders nach dem fünften Versuch. Irgendwann klappte es dann doch. Warum auch immer. Das Problem verschwand nach ein paar Monaten, vielleicht mit dem Service, wir wissen es nicht. Das ist jetzt eineinhalb Jahre her.

Und so segelten wir vor einer Woche friedlich dahin und wollten zum Segel bergen den Motor starten. Er startete aber nicht. Man drehte am Schlüssel, die Lamperl leuchteten und sonst nichts, kein vertrautes Brummen von einem Volvo Penta.

Wie war das damals? Alle Batterien aus – nix, Kabel wackeln – nix, Motor mit der Ratsche bissi drehen (welche Richtung war das doch gleich?) – nix, bisschen Panik aufreißen – nix, und natürlich die altbewährte Hammer klopf Methode – auch nix, bisschen warten – brumm. Auf einmal startet er wieder.

Natürlich kann man das nicht so lassen. Vor Anker habe ich dann als erstes die Kabel kontrolliert. An einer Stelle kamen sie mir locker vor und ich habe mit dem Gabelschlüssel – mit viel Gefühl – die Schraube abgerissen. Jene Schraube, an der alle Kabel zum Starten montiert waren. Schweissperlen auf der Stirn und die abgedrehte Schraube in der Hand berichte ich der Crew was passiert ist.

Als nächstes wird Theo kontaktiert. Ich beschreibe ihm das Problem und schicke Fotos. Die Antwort ist eindeutig. Es ist das Relais. Die Zusatzfrage, ob ich die abgebrochene Schraube ersetzten soll, beantwortet er mit ja. Dazu zerlege ich den Starter, um zu erkennen, dass ich diese Schraube nicht ersetzten kann, sie ist fix mit den Drähten des Anlassers verbunden. Ich brauche eine andere Lösung.

Beim Zusammenbau zieht plötzlich der starke Magnet den Kollektor an und die vier Abnehmer Kohlen rutschen aus ihrer Vorrichtung. Die nächste Stunde verbringe ich erfolglos damit, die Kohlen wieder in ihre Position zu bringen. Werkzeug traue ich mich nicht zu benutzen, da die Kohlen sehr weich sind. Teilweise arbeiten wir zu dritt, aber sechs Finger passen dann doch nicht in das kleine Loch. Bis mein Bruder die geniale Idee hat, ob man die Federn nicht ausbauen kann. Man kann. Sie sind sehr einfach auszubauen, dann können die Kohlen montiert werden und man setzt die Federn wieder ein. Zwei Minuten hat das gedauert. Jetzt ist der Starter wieder so wie er war und keines der Probleme ist gelöst.

Die abgebrochene Schraube kann ich mit einem Stück Kabelschuh gut überbrücken, das sollte reichen. Ich baue alles wieder zusammen und bitte Evi den Motor zu starten. Der Starter dreht sich, macht aber ein sehr unbekanntes Geräusch. Da stimmt was nicht. Ich muss alles noch einmal zerlegen. Beim Zerlegen plumpst mir eine Beilagscheibe in die Tiefe der Bilge. Mit einem kurzem Fluch berge ich sie wieder und habe gleichzeitig ein Zahnrad in der Hand. Das dürfte beim Ausbau herausgefallen sein und auch der Grund, warum der Starter nicht startet.

In der Zwischenzeit habe ich alle motorkundigen Freunde in der Heimat kontaktiert und um Tipps gebeten. Evi hat auch fleißig gegoogelt und alles deutet auf das Relais.

Bei der Übernahme des Schiffes haben wir alles, was wir gefunden haben fotografiert und in eine Liste eingetragen. So stand dann auch auf dieser Liste „Relais“ und das Relais war in der Tasche mit den Motorsachen. Das klang vielversprechend. Leider musste dazu die Seitenkabine ausgeräumt werden. Und wenn Gäste da sind, kann man sie gar nicht betreten, da auch die Gepäckstücke und die Räder dort aufbewahrt werden. In fünf Minuten war auf der OF wieder ein großer Durcheinander, aber zuletzt hielt ich ein passendes Relais in der Hand.

Schnell war es eingebaut und der Starter wieder zusammengebaut. Beim nächsten Versuch schepperte es ordentlich. Es klang wie ein nicht synchronisiertes Getriebe – Zähne putzen, so zu sagen. Also wieder alles ausbauen. Diesmal den ganzen Starter, es waren nur drei Schrauben mehr. Ich konnte keinen Fehler des Zusammenbaus finden. Glücklicherweise findet man auch von 22 Jahre alten Motoren Explosionszeichnungen im Internet.

Die Zeichnung bestätigt, dass nichts (mehr) fehlt und die Reihenfolge stimmt. Also noch ein Versuch. Alles gut mit hitzebeständigem Fett geschmiert und zusammengebaut. Ich wollte noch zur Sicherheit prüfen, ob genug Spannung am Starter ankommt, oder ob am Weg von der Batterie zu viel verloren geht.

Dazu musste ich die Motorbatterie einschalten. Als ich das tat, startete der Motor sofort. In einem Bruchteil einer Sekunde stellte ich fest, dass das Startgeräusch gut war, aber warum startet der Motor ohne den Zündschlüssel zu betätigen. Jetzt hörte ich, dass sich der Starter noch immer drehte, obwohl der Motor schon lief, gar nicht gut! Ich betätigte den Dekompressionshebel am Motor und der Motor hörte auf zu zünden. Aber der Starter lief noch immer. Und sobald ich den Hebel los ließ, lief der Motor wieder. Jemand musste sofort die Batterie ausschalten. Also brüllte ich durchs Schiff nach Evi, sie muss sofort herunterkommen. Etwas verdutzt, warum der Motor läuft und warum ich so unflätig nach ihr brülle, konnten wir den Motor sofort stoppen.

Was ist denn jetzt schon wieder?

Die Lösung war recht einfach. Zwei nicht verwendete Kabelanschlüsse mit einer roten Isolationshülse waren bei den Kabeln mit montiert. Eines davon habe ich unabsichtlich verdreht und das hatte dann Kontakt mit dem Kabel des Starterrelais. Dieser Kurzschluss führte zum sofortigen Starten.

Nächster Versuch!

Zuerst bat ich Evi höflich die Motorbatterie einzuschalten. Damit könnte ich im Fall der Fälle den Dekompressionshebel betätigen und sie die Batterie ausschalten. Aber es blieb alles still, so wie es sein soll. Jetzt konnte ich dem ursprünglichen Plan folgen und die Spannung messen, alles in Ordnung.

Also starten.

Evi drehte am Startschlüssel und – tata – der Motor startet. Kein Geräusch, alles gut. Gleich noch einmal und noch einmal. Nach dem vierten Versuch werde ich gebremst.

Bei den nächsten zehn Startversuchen in den unterschiedlichsten Situationen hielt ich nicht nur den Atem an, gefühlt ging mir ein Tröpferl ab.

Und seit dem startet der Motor ohne Probleme. Es ist immer noch ein herrliches Gefühl, wenn er das ohne Komplikationen macht.

Bei der Nachbesprechung des ganzen aufregenden Tages habe ich mich ordentlich bei Evi für das Geschrei entschuldigt, ich war ein bissi sehr in Panik.

Und für alle, die das technische Reparier-Bla-Bla nicht interessiert und sie es doch bis hier her geschafft haben, noch ein Foto von einer Morgenstimmung mit Glatze, wie man so schön sagt, wenn das Meer ein Spiegel ist.

3 Gedanken zu „Er startet wieder

  1. Hi Evi und Michi!
    Sensationeller Beitrag – Gratulation. Was man alles auf einem Schiff lernen kann und muss. Ich hoffe, dass sich das jetzt mit dem Motor beruhigt und Ihr in jeder Situation den Motor starten könnt.

    Ich hätte übrigens eine mechanische Uhr, die Ihr reparieren könnt. Vergesst nicht: in der Bilge findet man alles wieder 😉
    Bussi Matthias

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    1. Hallo Matthias, Ich habe übersehen den Kommentar zu beantworten, entschuldige.
      Der Motor startet und startet und startet, gerade heute wieder zweimal einwandfrei.
      Uhren sind wir noch nicht so fit, aber ich schau sie mir mal an.
      alles liebe
      Michi

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  2. Hallo Michi!
    Ich finde auch diesen sehr technischen Blog spannend. Ich kann gut nachvollziehen wie Du Dich gefühlt hast beim Lösen dieser Aufgabe, glücklicherweise ist es Dir gelungen und der Murl springt wieder sauber an. Der Motor ist und bleibt die wichtigste Sicherheitseinrichtung an Bord (hörst Du die Worte unseres Ausbildners Herrn Erich K.?) – womit er ja auch Recht hat. Ihr könnt nun also Eure Reise entspannt fortsetzen und ich hoffe Du musst nicht schon bald wieder einen technischen Artikel ins Netz stellen 🙂
    Alles Gute und bis bald! LG, Jürgen

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