Stammgast

Unser erster Gast heuer war auch gleichzeitig unser letzter Besucher. Jürgen kam uns wieder besuchen. Er flog nach Antalya und hat dort, das nicht ganz einfach zu verstehende, Bussystem ausprobiert. Dolmus heißen die Busse. Nummer gibt es keine und Fahrpläne nur als Ausdruck am zentralen Busbahnhof auf türkisch. Dafür sind sie billig und so kostet die 2 1/2 Stunden Fahrt von Antalya nach Finike 70 Lira, das sind 3,50 Euro. Wir warteten schon sehnsüchtig am Busbahnhof und konnten uns nur schwer gegen die Freundlichkeit der Einheimischen wehren, die uns in einen der Busse verfrachten wollten, wir wollten aber nicht. Wir erwarteten einen Gast. Die Begrüßung fiel nach so langer Zeit sehr herzlich aus.

Nach einem Willkommens-Efes an Bord der OF ging es zurück in die Stadt. Jürgen musste in die Geheimnisse des türkischen Essens eingeweiht werden.

Am Tag davor waren Evi und ich noch am Markt einkaufen. Evi war in ihrem Element, das Gemüse frisch und die Verkäufer sehr freundlich. Auch mittlerweile obligatorisch war der Besuch beim Palatschinkenstandl, das heißt auf türkisch übrigens Gözleme Evi. Evi bedeutet Haus auf türkisch.

Nach dem Markt montierten wir die beiden neuen Solarpanels, nachdem wir eine Nacht über die Montagemöglichkeiten nachgedacht und die verbohrten Löcher zugepickt hatten.

Mit Jürgen zurück auf der OF gab es viel zu erzählen. Das Lokal in Finike hat uns Alex empfohlen, der vor kurzem hier urlaubte und wir ihn leider um 3 Wochen verpassten.

Früh am Morgen ging es weiter. Die Segel wurden gesetzt und wir glitten langsam Richtung Demre, oder Myra, wie es früher hieß. Am Fußweg zum Taxistand blieb Seref stehen. Er nahm uns mit in die Stadt. Er hat vor drei Jahren seinen Job verloren und arbeitet jetzt in den vielen Gewächshäusern, wenn das Gemüse reif ist. Dazwischen fischt er dort, wo wir mit der OF lagen.

Als ich beim Aussteigen zum Börserl griff, schüttelte er entsetzt den Kopf. Dafür gab es ein Selfie und eine freundliche Verabschiedung.

Nach einem Fußmarsch vorbei an der Nikolokirche, kamen wir zu den Ausgrabungen von Myra, dem damaligen Zentrum der lykischen Kultur. Die Lykier hatten hier ihre Gräber. Später waren die Griechen und die Römer da, um eine Stadt mit Theater und allem was dazu gehört zu bauen. Unter neun Meter hohem Sediment, das zum Teil vom Fluss Myra angeschwemmt wurde, befanden sich die alten Mauern. Auch die typischen griechischen Masken, die im Theater getragen wurden, sind hier dargestellt. Die Masken halfen den Schauspielern einerseits in mehrere Rollen zu schlüpfen und andererseits ihre Stimme wie mit einem Megafon zu verstärken. Hier sieht man fünf solcher Schauspieler, zwei davon sind schon etwas älter :-).

Die lykischen Gräber waren wieder mit Inschriften und Reliefs verziert. Daraus kann die Stellung, Beruf und Reichtum der einst hier Begrabenen abgeleitet werden.

Da hier Audioguides ausgeborgt werden können, konnten wir neue Einblicke in diese Bestattungsform gewinnen. Oft war die ganze Familie in einer Kammer begraben, nach strengen Regeln, es darf geraten werden, wer ganz oben lag.

Weiter ging es zum Theater, das in den Hang gebaut war. Denn erst die Römer entwickelten Techniken um derart große Gebäude mit Stützmauern zu erbauen. Das beindruckende Schauspielhaus konnte 11.000 Personen fassen. Fast nicht vorstellbar. Inschriften zeugen von der griechischen Nutzung als auch von den Erweiterungen durch die Römer.

Was wir uns oft gefragt haben ist, wer diese riesigen Gebäude erbaut hat? Die Strabag mit einer starken Gewerkschaft zur Arbeitssicherheit im Rücken? Man weiß es nicht, oder besser wir wissen es nicht.

In der ersten Reihe waren auch damals schon die besten Plätze. Eigene Sessel aus Stein gehauen wurden für die prominenten Gäste aufgestellt. Auf dem mittleren Bild sieht man so einen Promi, wir sie den Schauspielern zuhört.

Die Stadt Myra verlor vermutlich durch Umweltkatastrophen ihre Bedeutung. Der Hafen, der ein wichtiger Handelsplatz war, versandete und die Stadt wurde durch Überschwemmungen zerstört. Danach verlor Myra seine Bedeutung und ist heute eine kleine Stadt am Meer, ohne Hafen.

Die Verkaufsstände vor der Kulturstätte beginnen gerade ihren Winterschlaf und verkaufen ihre letzten Efes und Cai. Wir entschieden uns für ersteres und als wir den freundlichen Wirt um ein Taxi fragten, witterte er ein kleines Zusatzgeschäft und fuhr uns selbst zurück zur neu gebauten, unfertigen Marina.

Zurück auf der OF wurden wir von Evi, wie immer haubenmäßig, bekocht und konnten einstweilen den Tag bei einem Efes nachbesprechen und den nächsten planen. Noch mehr Kultur stand auf dem Programm, wir waren ja im Zentrum der lykischen Zivilisation.

Eine Burg und lykische Gräber auf der Halbinsel Simena waren unser Ziel.

Hier der Beweis, dass Evi auch noch im November im Wasser war!

Wir ankerten direkt vor Simena, das heute Kekova heisst.

Sehr auffällig ist hier das Theater, das in den Fels gehauen ist. Wir vermuteten, dass es sich auch um eine Art Parlament gehandelt haben könnte und hielten eine spontane parlamentarische Diskussion mit Untersuchungsausschuss ab. Evi war zu langsam um die Sache filmisch fest zu halten.

Außerhalb der Burgmauern stehen einige Grabmäler herum. Alle natürlich aufgebrochen, irgendwer wollte unbedingt wissen, was da drinnen ist. Wieder wurde gerätselt, wie die schweren Dinger transportiert wurden und wie lange man an so einer Grabstätte baute. Nachdem unsere Fantasie wieder Galoppsprünge machte, drohte uns Evi an, uns in einen der Thombs einzusperren. Was wir nach kurzer Prüfung, dass wir beide und zirka sechs Kisten Bier hineinpassen, nicht mehr so schlimm fanden.

Heute besteht Kekova aus Restaurants, Souvenirshops und Eisverkäufern. Einer der Nachteile des Reisens im November ist, dass man den Verkäufern fast nicht auskommt. Ein freundliches Nein reicht aber meistens um durch die Gassen zu gelangen. Diese sind sehr eng. Straßen und Autos gibt es gar keine und die Fußwege sind so verwinkelt, dass die Bewohner manchmal Schilder mit „no way“ aufgestellt haben, hier geht’s nicht weiter.

Die Restaurants am Wasser bieten Seglern die kostenlose Möglichkeit anzulegen und bei Ihnen zu Essen. Ein fairer Deal, wenn man an die Marinapreise in der Türkei denkt.

Nach ausführlicher Besichtigung gingen wir Anker auf und nur zwei Meilen um die Ecke in eine tiefe, ruhige Bucht, nach Kaleücagiz. Von dort starten viele Touristenboote ihre Ausflüge in die Buchten der Umgebung. Der Ort ist touristisch und nicht sehr imposant.

Das Restaurant am Hafen war jedoch sehr gut, wenn auch etwas teurer.

Unser nächster Halt war Kas. Das kannten Evi und ich schon, wir ankerten vor der Marina. Hier konnten Jürgen und ich eine schöne Runde laufen gehen. Beachtlich wie steil kleine Hügel werden können, wenn man noch ein bisschen müde vom Vortagesbier ist.

Als wir wieder an Bord waren, verholten wir uns zur Tankstelle. Wir wollten Wasser tanken, den Fäkalientank leeren und ein bisschen Diesel tanken.

Das Prozedere kannten wir schon und waren auf etwas Wartezeit eingestellt. Diese wurde uns überraschend verkürzt. Die Dingis der Marina flitzen hier mit hohem Tempo durch die Gegend. Eines legte mit großer Eile direkt vor uns an und der Marinero sprang von Bord. Kurz danach sahen wir ein Segelboot kommen. Vorne standen drei Männer mit Uniform und Schwimmwesten und dahinter einige Personen, die wie eine normale Crew aussahen. Plötzlich tauchte auch noch ein Küstenwacheboot auf. Je näher die Boote kamen, desto hektischer wurde es. Jetzt sahen wir es auch, das Segelboot lag schon gefährlich tief im Wasser. Sie steuerten direkt auf den Kranplatz zu. Jürgen ging gerade dort vorbei und wurde zum Leinen fangen eingeteilt. Es wurde immer betriebsamer und Marineros, Küstenwache und Crew sprangen von und auf Bord. Der Kran war schon in Bewegung und die Gurten wurden montiert. Der Rest der Crew blieb beim Heben gleich an Bord und nach ein paar Minuten sah man das Malheur. Der Segler war mit hohem Tempo auf Grund gelaufen. Dabei wurde ein tiefes Loch in den Bug gerissen. Die Bilgepumpen arbeiteten auf Hochtouren und vorne lief das Wasser aus dem Schiff. Viel Zeit hätte nicht mehr gefehlt und das Schiff wäre gesunken. Böse Zungen haben behauptet, dass der russische Skipper beim Klettern von der Leiter gewankt hätte und bei der Beantwortung der Fragen der Küstenwache wäre ein Lallen zu hören gewesen. Guat is gangen, alle g’sund, die Rechnungen von Küstenwache, Marina und Schiffswerft wollten wir uns gar nicht vorstellen.

Die nächste Nacht verbrachten wir in einer ruhigen Bucht bei Kalkan. Essen an Bord, schwimmen und chillen war angesagt. Früh am Morgen ging es weiter nach Ölüdeniz, der Stadt des Babadag mit den Fallschirmspringern. Die boten wieder ein ordentliches Schauspiel. Formationsflug, Saltos, Loopings, enge Kurven und spannende Landemanöver mitten auf der Promenade ließen uns mit offenem Mund die Himmelskünstler bewundern.

Ein schöner Meerbusen direkt beim Strand darf nur ohne Motor befahren werden und so ruderten wir durch die idyllische und noch immer gut besuchte Landschaft.

Am nächsten Morgen war wieder eine Laufrunde angesagt. Im Slalom zwischen den landenden Gleitschirmfliegern, dann am Strand entlang und diesmal an Land entlang des kleines Golfes. Eine wirklich schöne Gegend. Im August wollen wir hier nicht sein, wenn wir uns vorstellen, was da los ist.

Beeindruckt von der Landschaft, dem schönen Berg, der sehr touristischen Stadt, segelten wir am nächsten Tag weiter nach Fethiye.

Vorbei an der Nikolo Insel, die Jürgen noch nicht kannte, bei schönem Segelwind.

Die Prognose versprach uns ein paar Regenwolken und die wollten wir in einer Stadt abwarten.

Fethiye eignet sich sehr gut zum Bummeln, Einkaufen und auch zum Laufen. Wir haben eine drei Kilometer lange Gummimattenlaufstrecke direkt an der Uferpromenade entdeckt. Zwei Kilometer davon werden mit Bildern von Mustafa Kemal geziert, sehr interessant. Dessen Todestag jährt sich am 10. November um 9:05. Bis heute wird an diesem Tag um 9:05 eine Schweigeminute eingehalten. Wir hätten das sehr gerne erlebt, aber leider verschlafen.

Der Regen fiel dann doch nicht so schlimm aus und wir konnten in unser Lieblingsstraßenlokal gehen. Gut, günstig und recht lustig auf den kleinen Schemeln zu sitzen.

Auch in Göcek, dem letzten Stopp unserer gemeinsamen Reise mit Jürgen erwischte uns eine kleine Regenwolke, die aber bald einem 180 Grad Regenbogen wich. Wir suchten bei einer Laufrunde beide Enden des Regenbogens ab, fanden aber nur zwei leere Bierdosen und ein Nylonsackerl.

Auch in Göcek konnten wir schon die Reiseführer spielen und zeigten unserem Gast die beste Konditorei, das beste Restaurant und den Supermarkt unserer Wahl.

Und schon wieder war ein Abschied da. Die Zeit verging wie beim Segeln und wir brachten unseren Freund zum Taxi, das ihn nach Dalaman zum Flughafen brachte.

Wir haben uns sehr gefreut, dass du uns auch hier in der Türkei besuchen gekommen bist und hoffen, dass wir uns bald wiedersehen, dann aber in der Heimat.

Werbung

4 Gedanken zu „Stammgast

  1. Liebe Evi, lieber Michi! Es hat mir wunderbar gefallen bei Euch, es war eine sehr angenehme, abwechslungsreiche und interessante Zeit. Die Türkei hat sich für November von der schönsten Seite gezeigt, einfach nur wunderbar. Vielen Dank, dass ich wieder auf der OF an Bord sein durfte. Ich drohe erneute Wiederholung an 🙂 Bis bald dann im kalten Niederösterreich (heute jedoch noch einmal sonnig und herbstlich). Ahoi, Jürgen

    Gefällt mir

  2. Meine Lieben !
    Ihr habt wieder sehr viel erlebt und uns wird es sehr gut von euch mitgegeben 👍 wir freuen uns schon auf euer nachhause kommen- oder besser gesagt – euren Winter Urlaub in Payerbach 🤩
    Bussi bis bald 😘Manuela

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s