Saisonabschluss

Nach Jürgens Abreise bewegen wir uns wieder Richtung Norden. Wie lange wir in der Türkei bleiben wollen, wissen wir noch nicht. Das Wetter ist auch im November noch warm und das Wasser lädt zum Baden ein. Die Strecke ist uns schon bekannt und wir ankern die erste Nacht in einer Bucht, in der wir schon waren. Es ist um einiges ruhiger, aber es ankern noch immer fünf, sechs Boote neben uns.

Evi kocht an Bord, schon sehr türkisch angehaucht. Die Gewürze schmecken uns beiden und auch die Vielfalt der türkischen Küche begeistert uns.

Am nächsten Tag segelten wir knapp vor Sonnenaufgang los, wir wollten soweit als möglich Richtung Norden kommen, da wir die Strecke schon kannten. Das klappte gut und wir konnten vorbei an Marmaris segeln und in einer kleinen Bucht ankern. Auch den nächsten Tag verbrachten wir unter Segel. Vorbei an der griechischen Insel Symi, überschritten wir mehrmals die Grenze zwischen den beiden Ländern. Die Fähre machte das auch, also nahmen wir uns die Freiheit.

Nach einem Zwischenstopp vor einer kleinen Insel, auf der es wilde Kaninchen gab, segelten wir nach Datca. Ein kleiner Ort mit einem Stadthafen und einer schönen Bucht. Da die Tiefen im Hafen mit weniger als zwei Metern angegeben waren, entschieden wir uns zu ankern. Datca ist für Mandeln bekannt. Im Geschäft fanden wir zehn verschiedene Mandelsorten, Nussmischungen, verschiedenste Honigsorten und auch türkischen Honig, den der zwischen den Zähnen pickt. Ein „Plombenziaga“ quasi.

Auf der Suche nach einem Friseur für mich, winkte auf einmal ein junger Mann sehr freundlich. Sein Beruf: Frisör oder Koför, wie es hier heißt. In der Türkei bekommt man beim Frisör auch gleich eine kurze Nackenmassage, eine Kopfmassage und alle Haare, wo man sie eh‘ nicht mag, werden entfernt. Als Aydin mit dem Wachsstab Richtung Nase fuchtelte, habe ich dann doch dankend abgelehnt. Was er auch perfekt konnte, waren alle weißen Haare so zu frisieren, dass die dunklen überdeckt waren, Danke!

Wir genossen die warmen Herbsttage und eine schwimmende Runde Bootreinigung war auch noch drinnen. Nach Datca steuerten wir Knidos an. Eine antike Stadt, in der es sehr viele Ausgrabungen gibt. Heute lebt niemand mehr dort, aber ca 600 v Chr. wohnten hier 80-120 tausend Menschen. Das Theater, das gerade wieder restauriert wird, fasste bis zu 5000 Besucher. Die Ausgrabungen zeigen Tempel, Warenhäuser, Hafenanlagen und vieles mehr.

Knidos wurde schon in der Bibel erwähnt und ganz besonders beeindruckt hat uns, dass es hier eine Ärzteschule gegeben hat. Diese vertraten die Meinung, dass Aderlass und Abführkuren schädlich sind und verließen sich mehr auf die Heilkraft der Natur. Das Gelände ist riesig und man kann einen ganzen Tag dort verbringen.

Das Wetter war herrlich und bei der Suche nach dem großen Theater kamen wir sogar ins schwitzen. Es hat uns leider nichts darauf hingewiesen, dass vom großen Theater nicht mehr als eine Mauer übrig ist, dafür war der Ausblick auf Kos sehr toll.

Und die Reise ging weiter. Nach Bodrum, unserem letzten Ziel in der Türkei, was wir zu der Zeit aber noch nicht wussten. Wir segelten vor Kos bei sehr wenig Wind und überschritten die Grenze nach Griechenland wieder einmal, um damit Meilen zu sparen. Relativ plötzlich waren Schaumkronen in der Ferne zu sehen, die rasch näher kamen. Zuerst befürchteten wir schon eine Nachtankunft in Bodrum, doch jetzt blies der Wind mit bis zu 20 Knoten. Die OF flitzte auf optimalen Kurs und wir konnten noch bei Dämmerung vor der Burg von Bodrum den Anker fallen lassen.

Die Stadt hat sich uns als sehr belebt und umtriebig gezeigt. Auch außerhalb der Saison ist hier Einiges los. Besonders das Museum im Schloss von St. Peter hat es uns angetan. Auch hier könnte man mehrere Tage verbringen. Es ist eine alte Kreuzritterburg, die beim herannahen der Osmanen aufgegeben wurde. Bis dahin wurde sie stetig erweitert und umgebaut. Jeder Turm wurde von einem anderen Land erbaut. So gab es einen englischen, französischen, deutschen und spanischen Turm.

Als Baumaterial verwendeten die Kreuzritter nichts geringeres als eines der sieben Weltwunder der Antike, die Steine des Mausoleums. Der König Mausolos ließ sich zu Lebzeiten ein riesiges Grabmal bauen und deshalb werden prunkvolle Grabstätten Mausoleen genannt. Vom einige hundert Meter entfernten Mausoleum stehen nur mehr die Grundfeste, aber in der Burg kann man die Marmorsteine erkennen und angreifen. Das fand ich schon sehr toll, dass ich eines der sieben Weltwunder der Antike angreifen durfte.

Im Laufe der Zeit fanden immer wieder Umbauten statt. Die kleine Kirche im Burggarten ist heute eine Moschee. Darunter wurden Gräber gefunden und in den Mauern sind die Steine des Mausoleums eingebaut.

Im Garten vor der Moschee ist eine Sammlung von Opferaltaren. Ich dachte immer, dass es sich um Teile von Säulen handelt. Dabei wurden solche Altare vor Gräbern aufgestellt und zu besonderen Anlässen versammelte sich die Familie des Verstorbenen, brachte Opfergaben dar, zündete Räucherstäbchen an und verstreute die Asche auf dem Grab.

Gleich daneben liegt eine Ankersammlung. Besonders faszinierend waren die Steinplatten mit den drei Löchern. In einem Loch befand sich das Seil zum Schiff und in den anderen beiden steckten Holzpflöcke, die sich als Kralle in den Boden pflügten. Das hatten wir so noch nie gesehen. Aus der Form der Steinanker entwickelten sich dann die verschiedenen Metallanker, einige der Formen werden bis heute verwendet.

In einem der vier kleinen Museen innerhalb der Burg befindet sich der original große Nachbau eines versunkenen Schiffes. Es sank nur wenige Meter vor der Küste von Bodrum und wurde in den 1960er Jahren gehoben. Das Schiff sank vor Christi Geburt. Die Beladung ist imposant. Im Bug waren Steinanker, danach Kupferplatten als Rohmaterial sowie jede Menge fertige Waren, wie Schmuck und Schwerter. Dahinter wurden Amphoren gestapelt. Gefüllt mit Wein, Olivenöl und Gewürzen. Die Ausstellung ist sehr realistisch präsentiert, gut beschrieben und informativ. Man bekommt nicht nur einen Eindruck, wie das Leben von Seemänner vor 2000 Jahren gewesen sein konnte, sondern man sieht auch, womit sie gehandelt haben und wie sie am Schiff lebten.

Das Ruder des Schiffes ist seitlich angebracht, an Steuerbord, daher der Name. Und da der Rudergänger seinen Rücken der anderen Seite zuwandte, wurde diese Backbord genannt. Auf englisch bleibt die Ruderseite starboard, die andere Seite nennt sich da aber port, wie der Hafen, da man das Ruder beim anlegen nicht beschädigen wollte, legte man auf der port side an.

Nach mehreren Stunden hatten wir noch immer nicht alles gesehen, aber die Aufnahmefähigkeit war zu Ende und der Durscht zu groß. Wir verließen das Bauwerk und schlenderten durch Bodrum auf der Suche nach einer Labestelle.

Nach der Stärkung trafen wir noch den ersten türkischen Weltumsegler, Sadun Bora, der in Bodrum gelebt hat. Er hat mit seiner Frau Oda 1965 die Welt umrundet. Als die beiden los segelten war ich drei Monate alt, ich kann mich noch dumpf erinnern.

Zurück an Bord schmiedeten wir die Pläne für den nächsten Tag. Es gab noch einiges zu sehen und ein Kabel hatten wir auch bestellt. Aber es kam anders. Mitten in der Nacht weckte mich Evi. Sie hatte in ihrer (täglichen) schlaflosen Phase die Wetterprognose für die nächsten zehn Tage durchgesehen und die verhießen nichts Gutes. Eigentlich nur Schlechtes. Regen, Starkwind und keine Ruhephase in der wir nach Griechenland segeln könnten. Nach einer Stunde Diskussion war der Entschluss gefasst, wir mussten am nächsten Tag ausreisen. Vorbereitet war schon vieles, sogar den benötigten Agenten hatten wir schon kontaktiert.

Der Rest der Nacht blieb dann recht schlaflos, da uns tausend Dinge durch den Kopf gingen. Wird uns die Küstenwache nach den Auspumpprotokollen unseres Fäkalientanks fragen? Sollen wir noch einmal auspumpen? Sollen wir noch tanken, der Diesel kostet in der Türkei € 1,3.

Die Entscheidungen fielen, wir schei… aufs auspumpen und tanken ein bisserl. Um 9 Uhr standen wir beim überraschten Agenten auf der Matte und innerhalb von 40 Minuten inklusive border police waren wir offiziell ausgereist.

Die Reise nach Leros war von gutem bis sehr gutem Wind begleitet und wir entschieden keinen Zwischenstopp einzulegen sondern direkt in die Bucht von Lakki zu segeln. Dort kamen wir bei Dämmerung an und ließen erschöpft aber erleichtert den Anker fallen. Sogar das bestellte Kabel konnten wir noch mitnehmen und damit ein Problem lösen, das uns schon lange sekkiert hat.

Und jetzt liegen wir in der Marina Leros, unserem Winterquartier. Die OF wird im Wasser auf uns warten, während wir mit unseren Lieben daheim Weihnachten und andere Anlässe feiern werden. Wir hatten eine sehr schöne Saison, fast ohne Krankheiten, fast ohne Schäden, mit sehr vielen lieben Besuchern. Wir sind sehr glücklich, dass wir so ein schönes Jahr verbringen durften. Danke, dass ihr uns begleitet habt, bis bald!

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2 Gedanken zu „Saisonabschluss

  1. Hallo ihr 2! Ich hoffe es ist Euch noch nicht langweilig in Eurem Winterlager…. Ich gratuliere jedenfalls zum erfolgreichen Saisonabschluss und vielen Dank, dass ich auch 2022 wieder bei Euch an Bord sein durfte. Jetzt wünsche ich Euch noch eine gute Reise in den Winterurlaub in Österreich und schöne Feiertage! Bis bald, Jürgen

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