Behörden Schei… Wege

Um die EU verlassen zu können, muss man ausklarieren. So heißt das Fremdwort, damit ein Schiff den Hafen verlassen darf.

Ein ähnliches Prozedere kannten wir schon, als wir von Kroatien nach Griechenland segelten.

Damit wir nichts falsch machen, befragten wir als Ersten den Hafenmeister. Der hat zwar nichts mit dem Ausklarieren zu tun, sollte aber Bescheid wissen. Sollte! Er schickte uns, ohne zu zögern, zuerst zur Coast Guard (Küstenwache). Dann sollten wir die Port Police (Hafen Polizei) und zum Schluss den Custom (Zoll) aufsuchen.

Gesagt getan. Irgendwie habe ich aber schon im linken Zeh gespürt, dass das ganze nicht so leicht wird. Deshalb packte ich eines unserer Räder aus. Ich radelte also mit allen Papieren und Pässen bewaffnet zur Coast Guard. Das Gebäude wird gerade renoviert und deshalb kann man den Eingang nicht als solchen erkennen. Sehr freundlich wird man zur richtigen Tür gewiesen, um dann noch freundlicher zuerst zur Port Police geschickt zu werden. Die muss nämlich als erstes aufgesucht werden.

Sie liegt zirka 1,5 km am Hafen entlang beim Kreuzfahrt-Terminal. Zum Glück war ich ja mit dem Rad da. Der Security am Gate muss man erklären was man möchte und da diese von zirka 9.000 Kreuzfahrern, die dort vorbeispazieren genervt sind, dauert die Erklärung ein bisschen länger. (Gestern aßen wir in einem Lokal, wo um 1500 die Kreuzritter wohnten und heute stand ich unter einem Schiff mit 20 Decks, wo die Kreuzfahrer einquartiert sind)

Die Port Police war schnell erledigt und ich hatte drei Stempel auf drei Zetteln. Der Polizist wollte drei, genau drei.

Dann schickte er mich zum Zoll. Dort wurde ich erstaunt beäugt und befragt, ob ich denn die Steuer für Seefahrer bezahlt hätte. Natürlich hatte ich. Und seit wann wir denn da wären, in Griechenland. Wahrheitsgemäß nannte ich den Juli 2021. Aber da sind ja keine Zahlungen zwischen Dezember und April. Ja, da stand das Schiff auch im Trockenen. Nein, nein so geht das nicht, wenn man sich nicht abmeldet muss man zahlen. In der Zwischenzeit hat der recht ahnungslos schauende Beamte Verstärkung einer resoluten Dame bekommen, die ihm kräftig zustimmte. Mit Schweißperlen auf der Stirn loggte ich mich am Handy in das Zahlungssystem ein und zeigte Frau und Herrn Beamten, welche Zahlungen wir gemacht hatten. Irgendwann war es mir zu blöd und ich beantwortete die zum fünften mal gestellte Frage, ob ich denn bezahlt hätte einfach mit Ja. Warum ich überhaupt hier sei und warum mich der Polizist zu ihnen geschickt habe. Das wusste ich natürlich nicht und zog Schweiß gebadet, aber glücklich keine zusätzlichen Zahlungen aufgebrummt bekommen zu haben, von dannen. Kein Zettel, kein Stempel, kein Gruß begleiteten meinen Abgang.

Next Stop: Coast Guard (die zweite). Stolz wies ich nach meiner kleinen Radstrecke die gestempelten Dokumente vor. Die nette Dame hinter dem Schalter beäugte jeden Zettel kritisch. Die Wartezeit vertrieb ich mir mit lesen, der in Englisch verfassten Nachricht, dass sich das Gesetz bezüglich Versicherungen geändert hätte. Und als die Dame zum vierten Mal mit dem Finger über die selbe Zeile auf unserer Versicherungspolizze strich, ahnte ich Übles. Unser Versicherungszettel passt nicht, der muss ausgebessert werden. Ich solle doch der Versicherung eine Mail schicken, die machen das schon.

Kein Stempel, kein Zettel, dafür ein freundlicher Gruß. Ich verließ gesenkten Hauptes die Behörde und radelte zurück zum Schiff. Tränenerstickt berichtete ich meiner Gattin vom erlittenen Übel. Sie tröstete mich mit Nahrung und Bier. Frisch gestärkt versandten wir die Mail zu unserem Versicherer. Nach ein paar Stunden wurde ich dann doch nervös und rief dort an. Die Dame am Telefon versicherte mir, dass die EDV derzeit nicht funktioniere, sie aber sehr bemüht sei, das Problem zu lösen. Jo genau, die EDV. Dann verband sie mich mit meiner neuen Betreuerin, die den Fall in zwei Minuten löste und mir das gewünschte Zettelchen per Email schickte. Schnell war es ausgedruckt und mit vor Stolz geschwellter Brust ging es zurück zur Coast Guard (die dritte).

Mittlerweile war Schichtwechsel und ich erklärte selbstbewusst mein Anliegen, fuhr mit dem Finger über die besagte Stelle, wie ich es vor ein paar Stunden bei der Kollegin gesehen hatte.

Das Antlitz der hübschen uniformierten erhellte sich und ein Lächeln war zu sehen. Sie lächelte immer noch, als sie die Papiere prüfte und zustimmend nickte. Ohne nach oben zu sehen, fragte sie mich nach dem Zettel vom Zoll. Welchen Zettel? Ich habe keinen Zettel beim Zoll bekommen, die haben mir gesagt, dass ich mich schleichen soll.

Naja, aber sie braucht doch den Zettel vom Zoll, ohne den geht’s nicht. Als ich glaubhaft versicherte wirklich beim Zoll gewesen zu sein, rief die Dame dort an. Es wurde immer lauter am Hörer und am Ende wurde mir Schulter zuckend mitgeteilt, dass ich jetzt zum Zoll muss.

Ich überlegte kurz, ob ich jetzt zum Rauchen anfangen soll, entschied mich dann aber dafür, mich auf das Rad zu schwingen und zum Zoll zu radeln. Dort war inzwischen Schichtwechsel und ich musste dem Security erklären, was ich wollte. Ich kannte die gewünschten Reizworte bereits und konnte sogar auf das richtige Gebäude deuten.

Beim Zoll saß eine sehr freundliche Dame und ihr Vorgesetzter. Der interviewte mich zuerst einmal, ob ich wirklich schon einmal da war und wann genau und wie der Herr und die Dame ausgesehen haben. Nachdem ich meistens in solchen Situationen die Wahrheit sage, dürfte ich glaubwürdig genug gewesen sein und man schritt zur Amtshandlung. Ich zeigte die Papiere vor, die Originale bitte, nicht die Kopien und erhielt nach kurzem den kleinen, A6 großen, handgeschriebenen Zettel, der mir das Glück bei der Coast Guard bescheren sollte.

Nach dem ersten Besuch beim Zoll und dem Schock mit den nicht bezahlten Steuern, haben Evi und ich gegoogelt und die richtigen Informationen gefunden. Sobald ein Schiff aus dem Wasser ist, muss man keine Steuern zahlen. Also hatten wir nichts falsch gemacht. Mit den entsprechenden Links aus dem Internet ging es weiter.

Zurück zur Coast Guard (die vierte). Eher kleinlaut als stolz zeigte ich den kleinen Wisch her. Den Kopf devot gesenkt erwartete ich das nächste Unheil.

Die hübsche junge Dame war glücklicherweise die selbe geblieben und ich musste nicht von vorne anfangen. Sie musterte den kleinen Schaaszettel, die anderen Papiere, die Stempel und alles schien zu passen und verlangte nach dem Transitlog. Wir haben aber keines. Ja, wieso, warum wir denn keines hätten. Wusste ich nicht, wir hatten aber keines, auch keines bekommen als wir im Juli des Vorjahres in Korfu einreisten. Den dort ausgestellten Schaaszettel tat sie als solchen ab und bestand auf dem nicht vorhandenen Transitlog. Als ich den Kopf zum dritten Mal auf der Theke aufschlug (das ist jetzt etwas übertrieben) holte sie ihren Vorgesetzten.

Der sehr freundliche, fesche Mann blätterte die Papiere durch, nickte das griechische, zustimmende Nicken (das schräge Nicken) zuerst bei den Stempeln der Port Police, dann beim Zoll Schaaszettel und noch einmal bei der Versicherungspolizze, um mich dann zu fragen wo das Transitlog sei. Die Corona-Plastikwand hinderte mich am Sprung an seine Gurgel und irgendwann, nach einer gefühlten Unendlichkeit, fragte er mich nach der Flagge des Schiffs. Austria, oh Austria, „you don’t need transitlog, you are EU“. Da fiel es mir auch wieder ein, dass wir keines brauchen, wir sind ja in der EU.

Nach der Bezahlung von fünf Euro – in bar – nein, wir können nicht auf 10 heraus geben – zog ich verwirrt von dannen. Dass sie gnadenhalber einen Zettel kopiert haben, weil der erste Polizist eigentlich vier Zettel herausrücken hätte sollen, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Ich setzte mich an den Straßenrand, atmete tief durch und versuchte mich an alle Details zu erinnern. Einerseits um sie Evi zu erzählen und anderseits um damit den Blog zu befüllen. Als die erste Münze neben mir auf den Boden fiel, raffte ich mich auf und fuhr heim.

Fertig! Ich und die Papiere, wir waren bereit zur Ausreise aus der EU. Das ganze in zirka 7 Stunden und einigen Kilometern am Rad.

Dazu muss erwähnt werden, dass alle Beamten, bis auf eine, sehr freundlich und hilfsbereit waren.

In der Zwischenzeit hatten wir mit unserem türkischen Agenten (ohne geht hier gar nix) Kontakt aufgenommen, der die Einreise für uns abwickelt. Ich musste ihm alle möglichen Dokumente vorab per Mail schicken und er träfe uns dann am Q-Dock, dem Ponton an dem man einklarieren muss.

Der Wind war stark, der Agent noch nicht da und wir verweigerten den kleinen Ponton und legten direkt neben einer Megayacht an. Kurz darauf war Bruno am Steg, begrüßte uns freundlich und bat uns zur Passkontrolle. Nach erfolgter Kameraerfassung nahm er unsere Papiere und teilte uns mit, dass wir schon mal zum Ankerplatz fahren können und später im Büro die Papiere holen sollten. Das wars, fertig, willkommen in der Türkei, dort hinten links gibt’s das beste Kebap.

Nach dem Ankern besorgten wir uns als erstes eine SIM Karte, da wir eine SMS unseres Handybetreibers bekommen haben, dass ein MB 15€ kostet. Hat jemand in letzter Zeit probiert, mehr als einen Tag ohne Internet auszukommen? Wie ist das? Wieder mit Internet ausgestattet, gingen wir zur Agentin, bezahlten unsere 200€ Einreisegebühren, erhielten die Papiere und plauderten über die türkische Inflation und ihre Ursachen, die ich aber hier nicht schreiben darf.

Und jetzt liegen wir da, in Marmaris vor Anker zwischen sehr vielen Spaßbooten, 50 anderen Ankerliegern und vielen, vielen Jetskis und Wasserskifahrern.

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2 Gedanken zu „Behörden Schei… Wege

  1. Liebe Evi, lieber Bruder!
    Vielen Dank fürs Teilhabenlassen an aufregenden Behördengängen, technischen Wartungsarbeiten, kulinarischen Leckerbissen, Anglerglück und -pech, lieben Besuchen und dem Segleralltag. Ich genieße jedes einzelne Gschichtl sehr, sehr, sehr!

    Alles Liebe aus der Heimat
    Schwager / Bruder

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  2. Liebe Beide, habe den Beitrag über Behörden… Blabla gelesen und festgestellt, dass man dies offensichtlich nur erträgt, wenn man den Puls und Blutdruck die letzten Monate massiv runter gefahren hat! Aber viel Spaß in der Türkei, mit haben die Törns rund um Marmaris immer super gut gefallen! Liebe Grüße Franz

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